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Die Wittenberger Judensau muss weg! Wirklich?

An der Südfassade der Stadtkirche in Wittenberg befindet sich in ca. 4 m Höhe ein mittelalterliches Sandsteinrelief. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die vermutlich Juden darstellen sollen. Ein Mann mit einem Judenhut (damals charakteristisches Kleidungsstück der Juden) blickt in den After der Sau.


Durch die Sau - für religiöse Juden DAS Symbol des Unreinen - werden die Juden verächtlich gemacht. Das Relief wurde um 1300 angebracht und war in den letzten Jahren Gegenstand von Debatten und juristischen Auseinandersetzungen [Quelle 1], da es Juden beleidigt und als judenfeindlich gilt. Es gibt zahlreiche weitere öffentliche Darstellungen des Motivs in verschiedenen Formen.


Wie ging die Kirchgemeinde mit der Wittenberger Judensau um?

Bereits bei der Renovierung der Kirche zum Lutherjahr 1983 stellte sich die Frage nach dem Umgang mit der Judensau [Quelle 2]:


„Zunächst fand sich die Gemeinde mit ihrem Gemeindekirchenrat dazu, das Sandsteinrelief an seinem Ort zu belassen. Gestützt wurde diese Meinung durch den Rat des Leiters der jüdischen Gemeinde Magdeburg, diesen 'Stachel' an der Kirche nicht wegzunehmen ... Seit 1988 setzt vor der Kirchenmauer unterhalb des Reliefs eine Bodenplatte, gestaltet vom Bildhauer Wieland Schmiedel, einen Kontrapunkt. Sie besteht aus Trittplatten, die etwas verdecken sollen, was nicht zu verdrängen ist und das aus den Fugen quillt, die ein Kreuz ergeben. Umrahmt wird das alles von einem Text des Schriftstellers Jürgen Rennert: »Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Hamphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.«“ Zudem erläutert eine Tafel auf einer Stele den Hintergrund des Reliefs und des Mahnmals.



Worin besteht der religiöse Gegensatz zwischen Christen und Juden?

Für Christen hat Jesus Christus eine zentrale Bedeutung: Jesus Christus war der von Gott gesandte Messias (Erlöser) zur Erlösung aller Menschen. Nach christlicher Vorstellung wurde er um das Jahr 30 n. Chr. für die Erlösung aller Menschen gekreuzigt. Für seinen Tod sollen die Juden verantwortlich gewesen sein.


Für die Juden geht die Bedeutung Jesu nicht über die eines gewöhnlichen Rabbiners hinaus. Während für die Christen der Messias in der Person Jesu bereits erschienen ist (und als Sohn Gottes weiterwirkt), warten die Juden noch auf den Messias.


Wie setzten sich die Christen mit den Juden auseinander?

Die Christen versuchten, die Juden von ihren vermeintlichen Irrtümern zu überzeugen und sie zum Übertritt (Konversion) vom Judentum zum Christentum zu bewegen. Die Methoden variierten je nach Zeit und Ort. Den Abschluss der Konversion bildete die Taufe.

  • In freiwilligen oder erzwungenen Bekehrungsgottesdiensten (Konversionsgottesdienste) sollten die Juden von ihrem “Irrglauben” abgebracht werden.

  • Durch Androhung und Ausübung von Gewalt wurden Juden gezwungen, sich taufen zu lassen. Deshalb traten viele Juden “freiwillig” über. Andere starben für ihren Glauben. Die Massenmorde und Zwangstaufen im Rheinland durch die Kreuzfahrer im 12. und 13. Jahrhundert haben sich tief in das kollektive jüdische Gedächtnis eingegraben.

  • Ausgehend von der nach christlicher Auffassung den Juden zugeschriebenen Schuld am Tod Jesu (Juden sind Christusmörder) wurden ihnen verschiedene andere Verbrechen vorgeworfen: Brunnenvergiftung während der Pestepidemie in Europa (um 1350), Entführung und Ermordung von Kindern aus rituellen Gründen (Ritualmord, 12. bis 20. Jahrhundert), Hostienschändung (13. bis 16. Jahrhundert).


Wie zeigte sich die abfällige Haltung der Kirche gegenüber den Juden im öffentlichen Raum?

Seit dem Mittelalter ist die Darstellung von Ecclesia und Synagoge an und in Kirchen als Ausdruck der Überlegenheit des Christentums weit verbreitet. Dabei stehen sich zwei Frauen gegenüber: Ecclesia, stolz und aufrecht stehend, symbolisiert die erfolgreichen Kirche bzw, das Christentum. Synagoge steht für das Judentum und wird verächtlich vorgeführt: Oft mit verbundenen Augen als Zeichen der Blindheit (die Juden erkannten Jesus nicht als den Messias), mit zerbrochener Lanze und nach unten blickend.


Eine Variation des Motivs findet sich auch in der Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen, zum Beispiel im Erfurter Dom.


Dort findet sich auch am Chorgestühl eine besondere Darstellung von Ecclesia und Synagoge: Ecclesia, auf einem Pferd reitend, kämpft mit einer Lanze gegen die bereits taumelnde Synagoge (erkennbar am Judenhut). Auch hier wird der Jude verspottet, indem er auf einer Sau reitet.


Welche Folgen hatte die Verunglimpfung der Juden?

Die jahrhundertelange Verachtung der Juden führte zu einer negativen Einstellung gegenüber den Juden in weiten Teilen der Bevölkerung. Dabei ging es nicht um das Verhalten einzelner Juden, sondern die Juden wurden als Angehörige ihrer Religionsgemeinschaft verurteilt. Dies begünstigte die Ausbreitung des Rassen-Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zur religiös begründeten Judenfeindschaft ging der Rassen-Antisemitismus von angeblich ererbten negativen Verhaltensweisen aus. Der christliche Antijudaismus bezog sich auf religiöse Einstellungen. Der “Makel” konnte durch die Taufe beseitigt werden. Danach waren die Juden, eventuell nach einer Wartezeit, vollwertige Mitglieder der christlichen Gesellschaft. Die angeblich ererbten jüdischen Eigenschaften dagegen waren unabhängig von der Einstellung und dem Willen der Juden und konnten daher nicht verändert werden. Deshalb war das individuelle religiöse Bekenntnis für die Verfolgung der Juden in der NS-Zeit ohne Bedeutung.


Wer ist heute für die Wittenberger Judensau zuständig?

Die Wittenberger Judensau ist Teil der evangelischen Stadtkirche. Daher liegt die Verantwortung für den Umgang bei der Kirchgemeinde.


Was sagt die deutsche Rechtsprechung?

“Ein als »Judensau« bezeichnetes Sandsteinrelief muss nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) nicht von der Fassade der Stadtkirche Wittenberg in Sachsen-Anhalt entfernt werden. Das Relief aus dem 13. Jahrhundert sei zwar beleidigend – durch das Anbringen einer Bodenplatte und eines Aufstellers mit erläuterndem Text habe die Kirchengemeinde das »Schandmal« jedoch in ein »Mahnmal« umgewandelt, befanden die obersten Zivilrichterinnen und -richter Deutschlands in ihrem Urteil in Karlsruhe (Az.: VI ZR 172/20). Die beklagte Kirchengemeinde habe sich somit ausreichend distanziert.” [Quelle 3]


Was sagen die Betroffenen, die Juden, dazu?

Die Wittenberger Judensau beleidigt seit Jahrhunderten alle Juden. Inwieweit aber eine rund 800 Jahre alte Skulptur heutige Juden emotional berührt, mag individuell sehr unterschiedlich sein.


Anders verhält es sich mit der Generation der Juden, die selbst unter Ausgrenzung und Verfolgung in der NS-Zeit gelitten hat. Die Generation, die noch als Judensau oder Judenschwein beschimpft wurde - ob auf der Straße oder im Konzentrationslager -, die unmittelbar unter den Nachwirkungen mittelalterlicher antijüdischer Hetze litt.


Obwohl davon auszugehen ist, dass die Wittenberger Judensau den Überlebenden bekannt war, erinnere ich mich nicht, dass gegen ihren Verbleib an der Stadtkirche protestiert wurde: weder vom Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR noch vom Internationalen Auschwitzkomitee. Auch nicht von Lin Jaldati, einer Überlebenden von Auschwitz und Bergen-Belsen, die mit dem Autor des Textes für die Bodenplatte eng befreundet war.


Da wir die direkt Betroffenen heute nicht mehr befragen können, wie sie mit der Plastik umgehen würden, habe ich einige Kinder von Überlebenden gefragt: “Was glaubt ihr, wie eure Eltern auf die Wittenberger Judensau reagiert hätten? Abnehmen oder dranlassen?” Die einhellige Aussage lautete: “Nicht abnehmen, sondern dranlassen - als Zeichen ewiger Schande für die Kirche und als Mahnmal für die Auseinandersetzung vor Ort. Verbote haben noch nie zur Aufklärung beigetragen!”


Wen vertreten diejenigen, die sagen: “Die Judensau muss weg!”

Auslöser der Diskussion war Dietrich Düllmann, der nach eigenen Angaben 1978 zum Judentum konvertierte. Indirekt unterstützt wird der Antrag gegen die Judensau-Skulptur von Felix Klein [Quelle 1], dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Ich kann nicht erkennen, dass beide Personen gesellschaftlich relevante Gruppen vertreten.




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