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Genetik statt Talmudstudien

Shon Kindi kam aus einer orthodoxen Familie in Israel nach Dresden

Diesen Weg wollte Nachshon (Shon) Kindi nicht einschlagen. Nach der Grundschule in Israel sollte er auf eine Yeshiva wechseln. So hatten es seine Eltern vorgesehen.


Sein Vater stammt aus Brasilien und wuchs säkular auf. Mit 29 entdeckte er seine Religion, wurde orthodox und schlug den Pfad der Alija ein, das heißt, er wanderte nach Israel aus. Die Ehe mit seiner Frau wurde traditionell arrangiert. In Beitar Illit, einer Stadt zehn Kilometer südwestlich von Jerusalem eröffneten die Eltern ein Geschäft für Frauenunterwäsche, auch für orthodoxe Kundinnen.


Shon ist eines von neun Kindern, geboren 1999. An die ersten Tage in der orthodoxen Yeshiva erinnert er sich noch sehr gut. Morgens ging es 7 Uhr los, nach streng durchgeplantem Ablauf bis 21 Uhr, gefüllt ausschließlich mit Talmud-Studien. „Mich interessierte auch noch vieles andere“, erzählt Shon Kindi. „Ein, zwei Stunden für den Talmud hätten mir genügt. Aber bis zu sieben Stunden - das war zu viel für mich.“ Nach drei Tagen weigerte er sich, die Yeshiva weiter zu besuchen. Zuerst wollten das seine Eltern nicht akzeptieren. Dann mussten sie einsehen, dass sie ihren Sohn nicht dazu zwingen konnten.


Zu Hause bereitete er sich im Selbststudium auf das Abitur vor, das ist in Israel möglich. Mit 17 absolvierte er die Prüfungen. Später begann er an der Universität in Jerusalem Ökonomie und Naturwissenschaften zu studieren, drei Semester lang. Dann wurde es immer schwieriger, die Miete für seine Studentenbude aufzubringen. „Außerdem brauchte ich Veränderung.“ 2019 ging er nach Brasilien. In Sao Paulo lebte ein Bruder seines Vaters. Zwei Jahre blieb er dort, reiste, studierte, arbeitete mit dem Onkel. „Ich wollte Erfahrungen sammeln“, sagt er.


Über seinen Bruder erfuhr er von Moshe Barnett und der Besht Yeshiva, die Rabbiner Akiva Weingarten gegründet hatte. Im Herbst 2020 reiste Shon Kindi nach Dresden. „Ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber ich wollte es versuchen.“ Zu seiner Muttersprache Hebräisch, dem Englisch, das er für das Studium brauchte und dem in Brasilien gesprochenen Portugiesisch lernte er nun auch noch Deutsch.


„Die Besht Yeshiva hat mir sehr geholfen, hier anzukommen“, berichtet er. „Sie haben mich beim Visum und den Behördengängen unterstützt, bei der Sprache und allem, was man für den Alltag braucht und sie hat mir Gemeinschaft geboten.“


Selbständig zu werden, unabhängig sein zu können, daran liegt ihm vor allem. Die Schabbat-Abende in der Jüdischen Kultusgemeinde finde er sehr schön. „Aber ich brauche sie nicht immer.“


Streng religiös sei er nicht, sagt Shon Kindi. Doch Kultur und Traditionen seien ihm wichtig. Sein Essen bereitet er koscher zu und hält sich streng an die Schabbat-Ruhe. Er hebt ein flaches, schwarzes Gerät vom Küchenschrank seiner Studentenwohnung in Dresden-Plauen - eine Heizplatte. Den Topf mit dem Essen, das er am Freitag gekocht hat, stellt er da drauf. So bleibt es warm bis zum Samstag, ohne dass er elektrischen Strom anschalten muss, was den Vorschriften (Mizwot) zufolge als Arbeit gilt, die man an diesem Tag unterlassen soll.


In der Besht Yeshiva hat er seine Freundin kennengelernt. Sie entstammt einer ultraorthodoxen Familie. „Sie selbst hält sich nicht mehr an die Regeln, tut es aber mir zuliebe.“


Inzwischen hat Shon Kindi ein Studium an der Technischen Universität begonnen. Im Max-Planck-Institut hat er nach einem Praktikum nun parallel dazu eine regelmäßige wissenschaftliche Tätigkeit. Er holt drei Bücher aus einem Regal, englische Lehrbücher zu Genetik und Stammzellbiologie. „Das finde ich faszinierend“, sagt er.


Jetzt wolle er erst den Bachelor in Neurowissenschaft machen, dann den Master, in Deutschland auf jeden Fall. Ob in Dresden, wisse er noch nicht. Vielleicht auch in Berlin, Hamburg oder Köln. „Große Städte gefallen mir.“ Eine verantwortungsvolle Position in seinem Beruf wünscht er sich. „Vielleicht bleibe ich auch hier.“ Nun hat er erst einmal das Amt des Sprechers der Jüdischen Studierendenunion Sachsen übernommen, die im September als Verein gegründet wurde. Eine neue Aufgabe für ihn. Aber, wiederholt er: „Ich brauche Veränderung.“

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