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Jüdische Gedenkwoche Görlitz/Zgorzelec

Am vergangenen Wochenende ging die Jüdische Gedenkwoche Görlitz/Zgorzelec 2023 zu Ende. Unser Mitglied Lauren Leiderman hat mit ihrem Team, unserer Kooperation und Hilfe aus unterschiedlichen Teilen der Görlitzer und sächsischen Gesellschaft ein wichtiges und bedeutsames Zeichen gesetzt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Alle Veranstaltungen, als auch die Woche als Gesamtkonzept war ein großer Erfolg und hat viele Menschen tief berührt. Nicht zuletzt die 48 Nachfahren von jüdischen ehemaligen Görlitzern und 2 Überlenden der Shoah. Vor allem aus Australien, Neuseeland, den USA, England und Südamerika folgten viele dem Ruf der Heimatstadt ihrer Vorfahren, um einerseits die eigenen Wurzeln zu erkunden und andererseits den Verstorbenen und Vertriebenen Ehre zu bezeugen.

Aber beginnen wir am Anfang: Die ersten Juden kamen vor fast tausend Jahren nach Görlitz, wurden aber zweimal systematisch verfolgt, ermordet oder zur Flucht gezwungen. Nachdem sie 1396 aus Görlitz vertrieben worden waren, durften die Juden bis 1847 nicht mehr in der Stadt leben. Zwischen 1847 und den 1930er Jahren blühte die jüdische Gemeinde in Görlitz auf und gedieh. Im Jahr 1933 wurde das Leben der Juden in Görlitz dann gefährlich. Bis 1940 gab es diese jüdische Gemeinde nicht mehr; alle waren entweder geflohen oder wurden durch während des Nationalsozialismus ermordet.


Die Jüdische Gedenkwoche Görlitz/Zgorzelec würdigt die ehemalige lebendige jüdische Gemeinde Görlitz und erinnert an die Leistungen ihrer Mitglieder, ihrer Unternehmen, ihrer Familien und ihrer Synagoge, aber auch an die schreckliche Verfolgung während der Nazizeit. Die Nachkommen dieser ehemaligen jüdischen Gemeinde sind aus der ganzen Welt in Görlitz und Zgorzelec zusammenkommen, um diesen Anlass zu feiern.


In der Jüdischen Gedenkwoche Görlitz/Zgorzelec fanden Vorträge von Überlebenden und ihren Kindern, Vorlesungen von renommierten Historikern, Filme, Fotoausstellungen und Diskussionen, Treffen mit Politikern, gemeinsame Abendessen, Austausch mit BürgerInnen von Görlitz statt - alles mit dem Ziel, die Lehren aus diesem Erbe weiterzutragen und den vielen humanitären Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind, Hoffnung und Menschlichkeit zu geben. Darüber hinaus haben viele Nachfahren ganz praktisch die Wohn- und Wirkorte ihrer Vorfahren erkundet, Familiengeschichten ausgetauscht, Sehnsuchtsorte (wieder-)gefunden oder für die Daheimgebliebenen Fotos gemacht, um die Erzählungen der Elter, Großeltern und Urgroßeltern sicht- und erlebbar werden zu lassen. Das Kabbalatgebet am Freitagabend wurde unter der Leitung von Rabbinerin Esther Jonas-Maertin aus Leipzig gemeinsam mit vielen internationalen Gästen, sowie den Melodien gestaltet, die bis 1938 vermutlich häufig in der wunderschönen Görlitzer Synagoge erklungen sind.


In vielen Begegnungen wurde oft von "Heilung" gesprochen und am Abschlusswochenende wurde immer mehr klar, dass nicht nur die Nachfahren sondern auch die hiesige Gesellschaft diese Heilung erhalten hat. Die Wunde, die durch Vertreibung, Ermordung und Flucht eines wichtigen und lebendigen Teils der Görlitzer Stadtgesellschaft seit spätestens 1945 gerissen war - auch sie hat eine erste Aufmerksamkeit bekommen und damit die Chance, langsam zu heilen. Umso mehr haben viele Nachfahren mit Worten oder durch ihre Berühmtheit und Begeisterung gezeigt, wie wichtig selbst für Nachgeborene die Verbindung zu ihren eigenen Wurzeln und zum Schmerz dieser großen Amputation von Gemeinsamkeit ist. Natürlich haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Studien die Wichtigkeit dieser menschlichen Verbindungen für die seelische Unversehrtheit beschrieben. Es sind aber die Praxis von Veranstaltungen, wie der Jüdischen Gedenkwoche Görlitz/Zgorzelec, die diesen theoretischen Erkenntnissen leben einhauchen und den heilenden Effekt der Begegnung zum scheinen bringen.


Die Jahreszahl 2023 am Ende des Titels der Veranstaltung könnte ein kleiner Hinweis darauf sein, dass die Möglichkeit zu diesen schwierigen und wohltuenden Begegnungen auch noch weiteren Generationen von Nachfahren oder jenen, die es in diesem Jahr nicht geschafft haben, gegeben wird. Unsere Arme sind als Menschen, als Jüdinnen und Juden, als Kooperationspartner weit geöffnet für diese Art von Besuchen aus der Vergangenheit für die Zukunft.


Ein großer Dank geht an Lauren Leiderman, die mit Hartnäckigkeit, Einsatz und Liebenswürdigkeit die Idee hat lebendig werden lassen und alle Akteure zusammengebracht und -gehalten hat.

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