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Gemeinschaft der Ungleichen

Annette Büchner-Reiche ist nicht religiös, begeistert sich aber für jüdische Kultur

Es sind die Schriftzeichen, der Klang dieser Sprache, die Regeln fürs Essen, die Annette Büchner-Reiche faszinieren. Schon als Jugendliche hat sich die 58-jährige Dresdnerin für jüdische Kultur interessiert. „Mit Religion hatten meine Eltern nichts am Hut. Ich bin atheistisch groß geworden.“ Vermisst habe sie nichts. Doch die Erfahrung, dass die Eltern alt, krank werden und sterben, habe sie zum tieferen Nachdenken gebracht.\\


Dass Bekannte, wenn sie vom Judentum hören, sofort an Auschwitz und den Holocaust denken, hält sie für eine Reduktion auf den Schrecken der Geschichte. Das sei ihr zu wenig. „Ich wünsche mir, dass diese ganze Kultur wieder als etwas Lebendiges in der Gesellschaft ankommt. Das würde uns bereichern.“


Vor reichlich 15 Jahren haben sie und ihr Mann, der Hautarzt ist, erstmals probiert, Essen nach jüdischen Speisegesetzen (Kaschrut) zuzubereiten. „Wir haben uns wohlgefühlt dabei. Inzwischen sind wir dadurch vom Fleischkonsum weggekommen und ernähren uns weitgehend vegetarisch.“


Später haben sie gelegentlich die Schabbat-Gottesdienste am Freitagabend in der Synagoge am Hasenberg besucht. „Diese Gemeinschaft, die keine Gleichheit schaffen möchte, gefiel mir. Alle können verschieden bleiben, so, wie sie sind.“


Dazu gehört auch, dass sie sich nicht für gläubig hält. „Aber was Rabbiner Akiva Weingarten in seinem Buch ‚Ultraorthodox‘ über Religion schreibt, verstehe ich.“ Tieren kein Leid anzutun, Blumen und Pflanzen nicht abzureißen, das habe ihr schon die Mutter beigebracht. „Alles Leben zu achten, nicht zwischen nützlich und unnütz zu unterscheiden, das ist für mich Religion.“


Beim Ausbau der Räume im Alten Leipziger Bahnhof haben sie mit Hand angelegt, Tapeten abgeweicht, Wände gestrichen, Schutt rausgeschleppt. Anfangs haben sie und ihr Mann sich in der Jüdischen Kultusgemeinde als „Zaungäste“ gesehen. Mittlerweile nicht mehr. „Dass wir mit unseren anderen Voraussetzungen, deutsch und nicht religiös, uns in dieser Gemeinschaft nicht als Fremdlinge vorkommen, finde ich angenehm.“ Sie ist fasziniert, dass das Judentum Geschichten für fast alle Lebenslagen parat zu haben scheint. Wahrscheinlich nehme sie mehr aus den Zusammenkünften mit als sie selbst einbringen könne.


Wie Zusammenleben in Vielfalt funktioniert, trotz aller Konflikte, haben sie auf mehreren Reisen in Israel erfahren. Dafür hat sie angefangen, modernes Hebräisch zu lernen, bei Margarete Füßer, einer freiberuflichen Dozentin in Dresden. Auf einmal zu verstehen, was die fremden Schriftzeichen bedeuten, sei eine wunderbare Erfahrung. „Ich komme immer tiefer in diese Kultur und Geschichte hinein. Ich möchte gern mehr wissen - ohne je jüdisch zu werden.“


An ihre vier Kinder - der jüngste Sohn ist 15, die älteste Tochter 39 - würde sie das gern weitergeben. Dass sie nicht überrascht sind, sollten sie jemandem mit Kippa begegnen, wünscht sie sich. „Für sie sollen solche Kontakte Normalität sein.

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