Pessach passt zu uns
- Kai Lautenschläger

- 24. März
- 3 Min. Lesezeit
Pessach naht – und das gibt uns die Möglichkeit, uns schon im Vorhinein gemeinsam Gedanken über dieses zentrale Fest zu machen. Wir alle wissen: Pessach führt uns die Gründungserzählung unseres Judentums vor Augen. Es hilft uns dabei, uns auf unsere Identität und unsere Gemeinschaft zu besinnen.
Das Fest markiert auch den Startschuss in den Frühling: Eine Zeit, die die meisten von uns als belebend, inspirierend und voller Lebensfreude erleben. Pessach leitet uns in eine bedeutungsvolle Zukunft, ohne dabei die Tiefen des Leids und die schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit auszublenden. Es schenkt uns eine gemeinsame Geschichte und die Besinnung auf Werte, die sich seit Jahrtausenden bewährt haben.
Tradition trifft Gegenwart
Doch für unsere Gemeinde ist das noch nicht alles. Als chassidisch-liberale Gemeinde bietet uns Pessach noch viel mehr: Kaum eines unserer Feste im Jahreskreis ist besser dazu geeignet, Tradition, Gegenwart und Zukunft so untrennbar miteinander zu vereinen. Es ist der perfekte Anlass, um scheinbare Widersprüche zu versöhnen.
Vielleicht kennst du die – vor allem in Nordamerika verbreitete – Ergänzung des Sedertellers um eine Orange oder eine Tomate. Diese Erweiterung unserer Tradition versucht, die Lehren aus der Befreiungsgeschichte auf unsere aktuelle Welt anzuwenden (Sklaven, Ausbeutung von Arbeitern, Frauen, Homosexuelle). Wir schließen damit Menschen in unsere Gedanken ein, die heute unterdrückt werden oder deren Rechte missachtet werden.
Ein lebendiges Judentum
In diesen Erweiterungen liegt eine Einladung an uns: Wir wollen unsere Geschichte nicht nur rekapitulieren und uns durch das Erinnern identifizieren. Wir wollen ihre Lehren – die weltlichen wie die göttlichen – in unsere heutige Welt übersetzen. So leben wir unser Judentum nicht als leere Hülle oder tragen es wie eine „Mumie“ mit uns herum. Stattdessen profitieren wir jeden Tag von der Weisheit unserer Vorfahren.
Zugegeben, es ist ein manchmal einschüchterndes Unterfangen, den eigenen Geist und den modernen Zeitgeist zu nutzen, um auf den Schultern unserer Tradition zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Natürlich können wir uns dabei irren oder Wesentliches fälschlicherweise für unwesentlich halten.
Doch unser Verständnis von Kultur und Religion in der liberalen Welt ist klar: Wir haben unsere Fähigkeit zum Nachdenken, zum Erkunden und unsere Neugier nicht erhalten, um sie zu unterdrücken. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, unsere Fantasie, unser Herz und unser Wissen einzubringen. Wir wollen auf den Lehren, die wir erhalten haben, aufbauen, um die bestmögliche Welt zu schaffen.
Zwischen Demut und Verantwortung
Dabei dürfen wir uns immer wieder fragen, wo die Grenzen liegen:
Einerseits eine Auslegung, die Gott, die Lehre und die Tradition ebenso achtet wie unsere menschliche Vernunft.
Andererseits die Gefahr der Überheblichkeit („Ich weiß es besser als die Weisen der Vergangenheit“) oder der spirituellen Beschränktheit („Ich könnte zwar kritisch denken, tue es aber nicht“).
Das Überschreiten dieser Grenzen führt unweigerlich zu Fundamentalismus und Abgrenzung. In unserer neo-chassidischen Welt ist uns bewusst, dass Fundamentalismus – egal ob in der Vergangenheit oder Gegenwart – ein schlechter Berater ist. Wir ersetzen ihn durch Einfühlsamkeit, Wohlwollen und klare Positionen, die Toleranz, Stolz und Selbstkritik gleichzeitig möglich machen.
Ein Schritt in die Zukunft
An Pessach haben wir die Chance, eine tiefgreifende Befreiung zu feiern, die uns Orientierung gibt. Gleichzeitig verlieren wir den Rest der Welt nicht aus den Augen. Wir stellen uns in einen Zusammenhang, der Tikkun Olam gerecht wird und uns für das kommende Jahr eine gute Richtung weist.
Es ist eine Richtung, die von einer stabilen Basis ausgeht und gleichzeitig mutige Schritte in die Zukunft wagt: tanzende, gemessene, schnelle, bedachte oder wiegende Schritte. Schritte, die uns in unserem Judentum bestätigen und uns gemeinsam nach vorne bringen.
Herzliche Einladung zu unserem Pessach-Seder 2026

Wir möchten diese Schritte gemeinsam mit dir gehen! Komm vorbei und feiere mit uns den Aufbruch in die Freiheit.
Wann: 1. April 2026 um 19:00 Uhr
Wo: Synagoge Neustadt, Eisenbahnstrecke 1, 01097 Dresden
Tickets: Hier lang!
Wir freuen uns darauf, Lieder & Gebete, Erinnerung & Essen und Gemeinschaft & Offenheit mit dir zu teilen!




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