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Ich bin wer, ich bin

Kürzlich im Dezember war ich auf einer Demonstration, die sich gegen eine infame Veranstaltung für rechtsextreme Ansichten und Haltungen richtete. Es war mir wichtig, den Raum in unserer Stadt ein bisschen mehr mit Solidarität, Achtung und gemeinsamen Werten füllen. Das ist mir leider nicht gelungen. Während ich mit vielen anderen Engagierten dort in der Kälte stand musste ich mich dabei beobachten, wie ich Parolen rief und die Gegenseite durch Krach störte. Plötzlich gab es gar keinen richtigen Unterschied mehr zwischen mir und den Menschen, die meiner Meinung nach das Wesentliche übersehen. Das Vorzeichen war anders: plus statt minus oder links statt rechts, unten statt oben, bunt statt braun. Aber die Mittel waren die gleichen. Einmal auf der Spur solcher Gedanken wurde mir auch bewusst, dass wir (also auch ich) keine wirkliche sichtbare gemeinsame Position vertreten. Klar waren wir da, um die Demokratie (also das Volk als Souverän, nicht die Mehrheit oder die Lauteren, Reicheren, Schlauen oder Dümmeren) zu schützen und für allgemeine Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und unsere nicht bio-deutschen Freundinnen und Freunde einzustehen. Aber konnte man uns das ansehen?


Immer häufiger schon seit einigen Jahren wird mir bewusst, dass ein solches Umgehen miteinander nicht die Lösung der vorliegenden Probleme sein kann - noch nicht einmal dann, wenn wir gar keine Einigung darüber treffen, welches diese Probleme sind. Obwohl die Sichtbarkeit auf der Strasse von verschiedenen Meinungen und Haltungen wichtig ist, kann das nicht alles sein.


Aber was sind die Alternativen? Wenn wir diese Frage beantworten wollen müssen wir uns wohl oder übel zuerst über das Ziel klar werden. Denn zwischen Kuschelkurs und Krieg, Kompromiss und Klassenkeile liegen viele Möglichkeiten, die uns zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Eines ist ihnen allen gleich: Wir müssen reden! Kommunikation ist Trumpf. Selbst im Krieg ist das wahr - wenngleich auf einer der niedrigsten Stufen von Zwischenmenschlichkeit.


Foto von einer Demonstration mit dem Transparent "Dagegen"

So einfach soll das sein? Dann lass uns beginnen! Ich hab's oft versucht und bemerkt, dass es nicht nur nicht einfach ist (das hatte auch niemand behauptet), sondern auch nicht von Erfolg gekrönt. Immer wieder fand ich mich in unfruchtbaren Austauschen unterschiedlicher Grundhaltungen und moralischen Vorstellungen, die nachher zwar klarer waren aber zu keinerlei Annäherung bereit waren. Das hat mich oft so betroffen, dass ich noch tagelang mit schlechten Gefühlen meinem Leben nachgegangen bin - auf Dauer kein gangbarer Weg. In Diskussionen mit guten und nicht so guten Freunden habe ich oft gehört, vielleicht sei ich einfach nicht konfliktfähig (genug). Möglicherweise fehle mir der Mut, die Uneinigkeit stehen zu lassen. Lange habe ich mich dafür geschämt und immer mehr den Diskurs mit Menschen gemieden, die grundsätzlich andere Lösungsansätze als ich - später bin ich sogar dem zuhören aus dem Weg gegangen.


Heute habe ich erkannt, dass es verschiedene Arten der Kommunikation mit Andersdenkenden gibt. Alle davon haben ihre Vorteile und Nachteile und es bedarf Könnerinnen und Könner in allen dieser Arten des Miteinanders. Mittlerweile weiß ich, dass die Vielfalt auch hier kein Hindernis sondern eine wichtige Bereicherung ist. Eine Bereicherung die vielleicht auf dem Weg zu Lösungen alternativlos sind (das Wort wollte ich schon immer mal verwenden).


Für mich konnte ich verstehen, dass ich ohne ein grundsätzliches Wohlwollen nur wenig erfolgreich in der Kommunikation sein kann. Dann gelingt es auch Gegensprüche stehen zu lassen oder selbst kleinste Kompromisse zu finden. Dafür ist es zum Beispiel sehr hilfreich in seinem eigenen Bereich die Schönheit, die Freude, die Herausforderungen, den Erfolg und die Richtung aber auch die Schwierigkeiten zu leben und dies mit anderen zu teilen. Für uns kann das zum Beispiel heißen, dass wir unsere Jüdischkeit in vollen Zügen leben und genießen und die Türen für diejenigen offen stehen lassen, die uns wohlwollend begegnen, gerne etwas lernen, mit uns genießen und ihr Interesse zeigen möchten. Das gilt für jede und jeden von uns aber auch für unsere Gemeinden, Vereine und Projekte, von denen wir ein Teil sein wollen. Ohne andere Streit- und Kommunikationsmethoden zu entwerten habe ich gemerkt, dass ich so die Balance zwischen Machbarkeit und Erfolg im Miteinander am wirksamsten sein kann. Das kann ich und so bin ich. Andere sind andere und haben ihre Talente.


Ist das nicht blauäugig? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Das alles funktioniert nur, wenn andere auch anders handeln und ihre Talente dafür einsetzen einen grundsätzlichen moralische oder politische Konsens jeden Tag neu zu kreieren und zu pflegen. Aber es setzt auch voraus, dass man klare Grenzen sicher setzen kann. Toleranz zur Meinungslosigkeit werden zu lassen, ist wenig hilfreich. Ich, zum Beispiel, nutze die Gesetze und die Menschenrechtserklärung für diese Grenze - vor allem für alle Fragen des zwischenmenschlichen Bereichs. Auch wenn ich für mich selbst strengere Bedingungen aufstelle, muss mir klar sein, dass eine vertrauensvolle Kommunikation ohne Wohlwollen auf beiden Seiten nicht möglich ist. Da müssen dann die anderen mit ihren Talenten ran.

Und was jetzt? Ich möchte mich und alle Leserinnen und Leser gerne ermutigen die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Verve und Engagement einzusetzen, um im Gespräch zu bleiben! Dabei wünsche ich mir, dass allen klar sein möge, dass es nicht einen richtigen Weg der Kommunikation gibt (obwohl es viele definitiv falsche zu geben scheint), sondern dass wir als Gemeinschaft in unserer Buntheit und Vielfalt überzeugen. So entstehen die besten Chancen nicht nur das Zusammenleben zu verbessern, sondern in unserem speziellen Fall auch unsere Gemeinschaft zu schützen und zu erhalten. Eine Jede und ein Jeder möge sich zutrauen so jüdisch zu sein, wie er es fühlt. Das kann sich über die Zeit ändern oder eine feste Größe bleiben. Es kann den anderen passen oder nicht, aber es ist die beste Möglichkeit, die wir haben, unseren Beitrag zur Qualität des gesellschaftlichen Miteinanders zu leisten.


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